Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes


Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Eberswalde

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Inhalt: Die Oderflut 1997 - eine fachliche Ursachenfeststellung

(Bearbeitet von Fr. Dipl.-Ing. Vollbrecht auf der Grundlage eines Aufsatzes von Herrn Dipl.-Ing. Wutschke)

1. Einleitung

Im Jahr 1997 wurde die Region in Ost-Brandenburg von einer sogenannten Jahrhundertflut heimgesucht. Verschiedentlich wurden Stimmen laut, diese Flut sei ein außergewöhnliches Naturereignis und die Schäden resultierten aus der Missachtung der Natur durch unsere Vorfahren, die die Oder im vorigen Jahrhundert in ihr jetziges Bett zwängten. Die „Verursacher" können sich nicht mehr wehren oder verteidigen, und die Stimme des ingenieurtechnischen Nachwuchses wird gegenüber dem lauten Schrei einer Oderente oder dem Rauschen der Odererlen und -weiden vielleicht nicht gehört. Nachdem die Oder wieder aus den Schlagzeilen trat, ist eine ingenieurtechnische Analyse eventuell möglich.

Große Ströme sind schon zu allen Zeiten Schlagadern des Verkehrs und damit auch der Zivilisation gewesen. An deren Ufern ließen sich auf Grund der fruchtbaren Überschwemmungsgebiete (heute auch streng wissenschaftlich Retentionsflächen genannt) die Menschen nieder. Dieses fruchtbare Land war Garantie dafür, dass die Menschen nicht verhungerten. Periodisch vernichteten Fluten allerdings ihre Ernten. Die Menschen lernten ihre Existenzgrundlage vor der Vernichtung zu schützen, als der Wasserbautechniker begann, den Fluss zu zähmen.

Nun bot der Fluss zu der Zeit, als es noch keinen LKW und keine Eisenbahn gab, eine Möglichkeit Waren in einer ausreichenden Menge zu einem bestimmten Ort zu transportieren. Viele große Städte entstanden an Fließgewässern, diese günstige Lage begünstigte ihre Entwicklung. Um die Waren kontinuierlich befördern zu können, die zur Versorgung der entstehenden Städte erforderlich waren, musste der Strom (Fluss) diesem gesellschaftlichen Erfordernis angepasst werden. Aus diesem Sachverhalt ergab sich für die damaligen Fachleute auf dem Gebiet der Wasserbautechnik das zweite Mandat.

Was hat diese Einleitung nun mit der Oder zu tun ? Jeder Leser möchte sich vor Augen halten, dass sich ohne den Wasserbautechniker(-ingenieur) die Städte Stettin, Schwedt, Frankfurt/Oder, Fürstenberg/Eisenhüttenstadt, Breslau und das oberschlesische Industriegebiet nicht so entwickelt hätten, wie wir sie heute kennen. Selbst Berlin wäre ohne die schlesische Steinkohle und ohne die Waren aus Übersee (Stettin) immer noch das kleine verschlafene Berlin-Cölln. Auch wären einige Landeskinder der Mark Brandenburg mehr verhungert, hätte nicht ein orausschauender Landesvater das fruchtbare Oderbruch trockengelegt.

Dass bei der Umgestaltung des Oderlaufes auf der Grundlage wissenschaftlicher Theorien auch Fehler gemacht werden mussten, ist unbestreitbar. Nur eben passen sich Fehler immer dem Zug der Zeit an. Auch die totale Renaturierung, die jetzt wieder ihre Befürworter findet, birgt die Gefahr, dass berechtigte Interessen von Betroffenen nicht ausreichend berücksichtigt werden (hier sind die HW-gefährdeten Siedlungsräume der Bewohner des Oderbruchs gemeint).

Zwei Bemerkungen zum Abschluss:

Als die doch etwas mehr begüterten und satten Herrschaften bei Friedrich II. (der alte Fritz) vorstellig wurden, um sich über die zeitlich begrenzte Abnahme (während der Bauarbeiten zur Trockenlegung des Oderbruchs) der Wildsauen zu beklagen, bekamen sie nur eine kurze Antwort: "Menschen sind mir wichtiger als Schweine."

Das Naturschutzgebiet "Unteres Odertal" verdankt seine einzigartige Artenvielfalt dem Umverlegen der Oder sowie dem künstlichen Anlegen der Polder und deren ausgeklügeltem Bewirtschaftungssystem. Die totale Umgestaltung zu der heutigen Form wurde erst ca. 1932 abgeschlossen.

2. Ingenieurtechnische Betrachtungen

Ein Fluss ist schiffbar, wenn er ein ausreichendes, nach Größe und Verlauf stabiles Fahrwasser mit schifffahrtstechnisch günstigen Strömungsverhältnissen bietet.

Die Schiffbarkeit unabhängig von der Wasserführung ist von Natur aus selten und meistens nur im Unterlauf gegeben. Im Regelfall erleidet die Schiffbarkeit bei zurückgehendem Abfluss empfindliche Einbußen; die untere Grenze kann durch eine Mittelwasserkorrektion im Rahmen des normalen Flussbaus gesenkt werden. Wo jedoch im Fluss bei Niedrigwasserführung die Schifffahrt nicht mehr möglich ist, muss (bzw. kann) der Verkehrswasserbau Maßnahmen treffen.

Dazu führen zwei Wege:

Der Fluss bleibt weiterhin seinem natürlichen Lauf überlassen, aber sein Bett wird unterhalb der Mittelwasserkorrektion den Bedürfnissen der Schifffahrt angepasst. Man spricht von einer Flussregulierung.

Reicht eine Flussregulierung nicht aus, tritt an ihre Stelle die Stauregulierung durch den Einbau von Stufen mit Wehren und Schleusen. Damit ändert sich das natürliche Erscheinungsbild des Flusses, das dieser nur zeitweise bei hoher Wasserführung und gelegtem Stau wiedergewinnt. Die Niedrigwasserregulierung ist eine Maßnahme überwiegend im Schifffahrtsinteresse. Bei der Stauregulierung gibt es unterschiedliche Arten: die Stauregulierung allein im Interesse der Schifffahrt und/oder der Wasserkraftnutzung (regenerative Energie) sowie der Wasserwirtschaft. Die Interessen können sich auch überschneiden.

Der Planung im Flussbau liegen folgende natürliche Gegebenheiten zugrunde:

Der Abfluss: Der Wasserabfluss schwankt im Jahresrhythmus. Die Oder weist nach der Schneeschmelze im Frühjahr eine höhere Wasserführung als im Sommer und Herbst auf. Sie dient als Vorfluter der an der gesamten Nordseite der Sudeten (Lausitzer-, Riesen-, Adler-, Eulen- und Altvatergebirge) entspringenden Wasserläufe.

Das Gefälle ist zusammen mit dem Abfluss entscheidend für den Fahrwasserquerschnitt. Der Geschiebetrieb (mitgeführtes Material im Fluss) ist ein wesentlicher Faktor zur Schiffbarmachung eines im natürlichen Regime belassenen Flusses. Eine starke Mäanderbildung mit geringem Gefälle begünstigt die Ablagerung von Geschiebe, während eine Streckung des Flusslaufes die Erosion auf der Flusssohle erhöht.

Der Ausbau des Flussbettes auf das Niedrigwasser allein bringt noch keinen nachhaltigen Erfolg für die Schifffahrt; für die beabsichtigte Ausbildung des Fahrwassers sind die bettumgestaltenden, höheren Wasserstände entscheidend.

Linienführung: Der Wasserbau strebt in der Niedrigwasserregulierung eine Linienführung an, bei der sich der Fluss in der gewünschten Weise möglichst von selbst umbildet und wenig Ausbau- und Unterhaltungsmaßnahmen erfordert. Der natürliche Wasserlauf formt sich seinen Weg in Krümmung und Gegenkrümmung. Deshalb ist es ein Ziel der Regelung, die Niedrigwasserrinne zügig innerhalb des Mittelwasserbettes pendeln zu lassen, wobei möglichst Krümmung und Gegenkrümmung ohne längere Zwischengerade aufeinander folgen sollten.

Regelung der Wassertiefe: Das Hauptziel der Niedrigwasserregulierung ist eine Erhöhung der Wasserstände bei kleinen Abflüssen. Die Notwendigkeit der Erhöhung ergibt sich aus dem Transportbedarf der Binnenschifffahrt, dem Halten eines bestimmten Grundwasserstandes, der Förderung des biologischen Lebens im und am Fluss und dem Erhalt des Landschaftsbildes.

Ein Blick auf das Kontinuitätsgesetz Q = A x v zeigt die Möglichkeiten, die Ziele der Niedrigwasserregulierung zu erreichen. Das Ziel ist es, den Wasserstand, der in dem Fließquerschnitt A steckt, zu erhöhen. Die Erhöhung von Q (Abfluss) durch Zuschusswasser ist beispielsweise durch ein planmäßiges Bewirtschaften von Talsperren möglich. Eine Verringerung der Fließgeschwindigkeit v kann durch eine Verringerung des Gefälles erreicht werden.

Da sich die Fließfläche aus Höhe (=Wasserstand) und Breite zusammensetzt, führen Einbauten im Fluss (z.B. Buhnen) zur Verringerung der Fließfläche. Einbauten vergrößern aber die Fließgeschwindigkeit im unverbauten Restquerschnitt. Eine höhere Fließgeschwindigkeit verhindert Ablagerungen, erhöht aber bei größeren Abflussmengen die Erosion an der Sohle. Hier zeigt sich die Komplexität von flussbaulichen Maßnahmen.

Durch fehlende oder falsche Ausbaumaßnahmen verursachte Schäden können nur mit hohem Aufwand beseitigt werden. Grundsätzlich ist mit dem Fluss zu arbeiten, nicht gegen ihn.